Über Frösche und Nachbarn

Written by Andreas Rodenbeck

„Daug kas šią istoriją jau žinote. Žinote labai gerai. Kai kam – priminsiu. Kas nutinka, kai varlę įmetate į verdantį vandenį? Ji su siaubu strykteli lauk iš ten. Kas atsitinka, jei mes varlę įmetam į vandenį, pastatom indą su ja ir tuo vandeniu ant ugnies, ir lėtai kaitinam? Labai lėtai. Matot, varlė temperatūros skirtumą pajunta, kai tas skirtumas labai ryškus ir staigus. Bet, deja, kai temperatūros skirtumas nedidelis, tada varlė nebegali pastebėti, kad temperatūra keičiasi. Nes yra šaltakraujis gyvūnas – kuo daugiau šilumos, tuo geriau… Ir išverda gyva.”

Tai kaip- ar šilta?

„Viele kennen diese Geschichte sehr gut. Die übrigen erinnere ich kurz: Was passiert, wenn man einen Frosch in heißes Wasser wirft? Richtig, er springt voller Schrecken sofort raus. Wenn wir ihn aber in kaltes Wasser setzen und dieses langsam erhitzen, nur ganz langsam, so dass es der Frosch kaum spürt? Dann bleibt er im Wasser und wird bei lebendigem Leib gekocht.”

Wird uns schon langsam wärmer?

Die Geschichte von den Fröschen ist bekannt, ich wurde gestern an sie im  Internet erinnert (Danke Renata!). Soziologen nennen dieses Phänomen „shifting borderlines“. Weil sich der Rahmen des Denkbaren und Möglichen nur langsam und graduell verschiebt, fällt uns die Wahrnehmung der Wirklichkeit schwer. Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass der Lockdown auf der Grundlage eines Tests, der keine Infektiosität nachweist, über ein Jahr andauert, dass das deutsche Parlament sich selbst entmachtet und ich mich in Zukunft wahrscheinlich impfen muss, wenn ich reisen will, hätte ich das nicht glauben können.

„Shifting borderlines“ spielen eine wichtige Rolle für das Verstehen des Faschismus. So haben sich die Menschen, die 1933 auf die andere Straßenseite wechselten, um ihren jüdischen Nachbarn nicht grüßen zu müssen, nicht vorstellen können, dass am Ende Konzentrationslager und brutale Massenmorde stehen.

Auch deshalb ist es so wichtig, sich darüber klar zu werden, was gerade passiert.

In seinem Buch „Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“ geht Harald Wälzer u.a. dieser Frage nach. Interessant ist: wie konnten Menschen dem widerstehen? Einige Antworten stelle ich kurz vor.

So haben den Verfolgten viele Menschen geholfen, die auch vorher schon am Rande der Gesellschaft gestanden haben, z.B. Kleinkriminelle und Prostituierte. Sie hatten den Staat nie als moralische Autorität verstanden, entscheidend war ihr gesunder Menschenverstand und ihr Mitgefühl für Menschen, die wie sie ausgestoßen waren. Hannah Arendt hat in diesem Zusammenhang mehrmals zum Ausdruck gebracht, dass nicht Hitler sie enttäuscht habe –er hatte seine Ziele ja von Anfang an offen dargestellt-, sondern die Intellektuellen, die die erstaunlichsten Erklärungen fanden, um den Faschismus zu rechtfertigen.

Henry Friedländer bemerkte einmal[1], dass er trotz intensiver Suche in keiner einzigen deutschen Zeitung aus den dreißiger und vierziger Jahren ein Stellenangebot gefunden habe, in dem der Staat erfahrene und qualifizierte Massenmörder suchte.

Wälzer zeigt eindrücklich, dass es nur zwei Gründe gab, „die für die Entscheidung gegen das Töten wichtig waren.“[2] Der erste ist psychische Autonomie, die uns die Stärke gibt, trotz eines anders denkenden Umfelds weiter an unserer Alltagsethik festzuhalten, die sich in dem Satz „Das kann man doch nicht machen!“ manifestiert.

Der zweite Grund ist soziale Nähe. Alle Retter hatten Freunde und ein intaktes soziales Umfeld. Hier konnten sie sich mit einfachen Fragen wie z.B. „Das ist doch nicht richtig?“ rückversichern. Zudem waren sie in der Lage, Beziehungen zu den Opfern aufzubauen.

Wir Menschen „existieren in einem sozialen Universum, und deshalb sollte man tatsächlich alles für möglich halten.“[3] Um beim Frosch zu bleiben: alles fängt mit einer kaum merkbaren Erhöhung der Temperatur an. Auch deshalb ist es so gefährlich, wenn es mittlerweile fast normal ist, Menschen, die begründet dem offiziellem Narrativ widersprechen, öffentlich als Covidioten und Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen.

Was tun: wir müssen -trotz des Kontaktverbots durch den Staat- für soziale Nähe einstehen. Konkret heißt das: reden wir mit unseren Nachbarn, damit fängt Politik an. Gehen wir offen und ohne Angst, uns lächerlich zu machen, auf Andere zu, hören wir zu und äußern wir begründet unsere Meinung. In meinem Umfeld habe ich erfahren, dass fast alle ähnlicher Meinung sind. Das Wissen, in seinem unmittelbaren Umfeld nicht allein zu sein, ist Gold wert. Laden wir Nachbarn, Freunde und Bekannte an unseren Tisch, nichts bringt Menschen näher zusammen als in Ruhe gemeinsam zu essen. Sprechen wir dort die Themen an, die uns wichtig sind.

In ihrem wunderbaren Vortrag „Über Verletzlichkeit“ zeigt Brene Brown, dass Scham nichts anderes ist als die Angst, nicht mehr dazuzugehören. Menschen sind nur dann stark, wenn sie keine Angst haben, sich schwach und verletzlich zu zeigen. Ein echtes Uzupis-Paradox. Du bist stark nur dann, wenn Du  schwach sein kannst.

Ich lebe seit über 20 Jahren in Litauen, ich mag die Menschen hier. Diese Angst vor Schwäche, die sich in Sätzen wie „geriau nesakyk“ äußert, ist mir oft begegnet.

Mit den Nachbarn reden, mit Liebe zu kochen und Menschen an seinen Tisch einzuladen: damit fängt alles an. Worauf warten wir?

Sapere aude – Išdrįsk galvoti savo galva.

Andreas Rodenbeck

PS: Ich habe mich sehr verletzbar gefühlt, als ich mit meinem Demoschild zum Glockenturm auf dem Kathedralenplatz ging und dort gefühlte zehn Kamerateams auf mich warteten. Wer will schon gern blöd dastehen? Am Abend war ich zufrieden mit mir. Einen Fernseher habe ich schon lange nicht mehr.


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[1]In Hilberg, Die Vernichtung, S. 1062.

[2]Welzer, Täter, S. 261.

[3]Ebd., S. 259.

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